Stress als Genuss-Killer

... und was Sie dagegen tun können.

Ein neuer Blickwinkel kann durchaus eine erlösende Wirkung haben.

In der heutigen Zeit sind Mütter und Väter häufig Mehrfachbelastungen ausgesetzt. Beruf, Haushalt, Termindruck, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und stetig wechselnde Diätmythen können dafür sorgen, dass Mahlzeiteneinnahme und Genuss beim Essen immer weiter in den Hintergrund treten. Eine familiär gemeinsam eingenommene Mahlzeit ist in vielen Tagesstrukturen nicht mehr zu finden. Schnelles hektisches Essen ohne bewusst die Wahrnehmung und Konzentration auf diesen Prozess zu lenken, kann unsere von Natur aus angelegte Sättigungswahrnehmung stören und unsere Genussfähigkeit beeinträchtigen. Isst man hastig und schnell setzt unsere Sättigung meist erst nach einem zu großen Speisenvolumen ein, was i.d.R. zu einer erhöhten Kalorienzufuhr und eventueller Gewichtszunahme führen kann. Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild veranlasst viele dazu verschiedene Diäten durchzuführen, meist mit geringem langfristigen Erfolg. Viel schlimmer, die eh schon fehlende Aufmerksamkeit der Speise gegenüber wird weiterhin minimiert, da viele Diäten mit unterschiedlichen Verboten arbeiten, welche zusätzlich verunsichern. 

Die Folge hiervon: Das Essen wird als Mittel zum Zweck gesehen, welches den stressigen Arbeitsablauf eher stört als unterstützt. Zusätzlich steigert sich die Unsicherheit, ob das entsprechende Produkt, welches gegessen wird, überhaupt noch gegessen oder genossen werden „darf.“ 

„Richtiges essen“ wird heutzutage als Wissenschaft deklariert. Die vielfältigen Theorien werden immer wieder medial neu in Szene gesetzt, das Essen wird ständig „neu erfunden“ und der eigentlich wunderschöne Prozess der Nahrungsaufnahme wird seiner Natürlichkeit beraubt.

Fazit dieser Entwicklung zusätzlich zu den vielfältigen Belastungen im Alltag: Es entsteht meist weiterer Stress. Viele unterdrücken ihr Hungergefühl im Tagesverlauf, unterlassen wichtige Pausen, welche eigentlich die Leistungsfähigkeit wiederherstellen oder steigern sollten und vergessen sich selbst zu versorgen. Dabei ist Nahrungsaufnahme die Grundvoraussetzung für unsere Existenz! Nicht umsonst werden Nahrungsmittel auch als LEBENSmittel bezeichnet.

Viele Mütter und Väter stecken in diesem Kreislauf fest und dabei helfen weder die ständig wechselnden „Erkenntnisse“ im Diätbereich, welche uns täglich in allen Medien begegnen, noch helfen die Herausforderungen im persönlichen Alltag unterstützend bei dem Wunsch diesen Kreislauf wieder verlassen zu dürfen.

Was bei dieser ganzen Problematik häufig übersehen wird ist, dass die Verunsicherung der Mütter und Väter auch Gefahr läuft auf die Kinder übertragen zu werden. Abgesehen von den Medien, welche auch vor den Kindern nicht Halt machen, wachsen diese mit den Verunsicherungen ihrer Eltern heran. Sie sehen wie Mama oder Papa eine Diät machen, ein anderes Gericht bei einer gemeinsamen Mahlzeit verzehren oder aber, dass überhaupt nichts von den Eltern gegessen wird, weil die Mahlzeiten nicht mehr gemeinsam am Tisch (ohne TV oder sonstigen Medien) verzehrt werden.

Ein neuer Blickwinkel auf diese ermüdenden Prozesse kann durchaus eine erlösende Wirkung haben.

Grundsätzlich sollten wir alle Nahrungsaufnahme als das verstehen was es im Grunde genommen schon immer war, ein sich selbst Versorgen. Natürlich gibt es bei der heutigen Lebensmittelauswahl oft das Problem, dass es zu einer überhöhten Kalorienzufuhr kommt, oder aber dass gesundheitlich unterstützende Inhalte fehlen. 

Vielleicht fehlt uns allen in dem vom Stress dominierten Alltag etwas viel Wesentlicheres… eine geeignete Pause zum Erholen und Lenkung der Aufmerksamkeit ausnahmsweise mal nur auf einen Ablauf. 

Wenn diese erholende Pause sinnvollerweise mit einer entsprechenden Mahlzeit gekoppelt wird, haben wir die Chance etwas Wundervolles zurückzuerobern – Genuss! 

Planen Sie sich vorerst regelmäßige Mahlzeiten im Tagesverlauf ein, kümmern Sie sich um sich und versorgen Sie sich. Achten Sie auf ausreichend Ballaststoffzufuhr, damit Sie sich nicht aufgrund einer instabilen Blutzuckerverlaufskurve zum ständigen Zwischendurchessen animieren.

Gestalten Sie Ihre Speisen bunt mit Obst, Gemüse, Kräutern, usw. um Ihre Sinne wieder anzuregen. Stellen Sie Ihren Sehsinn zufrieden oder riechen Sie an Ihrer Speise, auch der Geruchssinn spielt eine große Rolle für unsere Wahrnehmung und für unseren Geschmack!

Die wichtigste Übung können Sie ohne Geld zu investieren immer wieder durchführen: 

Wenn Sie essen, dann bleiben Sie gedanklich genau bei diesem Prozess und lassen Sie die anderen Störfelder für einen kurzen Moment in den Hintergrund treten. Bearbeiten Sie gedanklich nicht während der Speise die weiteren Aufgaben und Termine des Tages, thematisieren Sie nicht während der Speise eine schlechte Schulnote mit dem Kind. Probleme gehören nicht an den Tisch während dem Essen! Beobachten Sie eher wie sich die Speise im Mund verändert, wie sich der Geschmack verändert, nicht bewertend, nur beobachtend. Hören Sie auf Ihre Körpersignale, wie fühlt sich mein Hungergefühl an, wie verändert es sich während dem Essen, wie fühlt sich mein Sättigungsgefühl an?

Wenn wir dies regelmäßig üben, stellen wir Kontakt her zu unseren Grundwahrnehmungen -  Hunger und Sättigung. Wir können unsere Fähigkeit zu genießen zurückerobern, lernen unseren Körper und seine Signale zu verstehen. Unsere Achtsamkeit zu steigern ermöglicht uns kleine Auszeiten als kraftspendende Pause erleben zu dürfen.

Alle anderen Änderungswünsche, zum Beispiel das Körpergewicht betreffend lassen sich nach diesem ersten Schritt oft viel leichter bearbeiten, da Themen wie Speisenmengen und Lebensmittelauswahl leichter veränderbar sind, wenn wir unseren Körper wieder verstehen lernen.

Eine Vorsorgemaßnahme kann eine gute Basis darstellen, um Hilfestellung zu erhalten und Kraft für eventuell notwendige Veränderungsschritte sammeln zu können.

Ich wünsche Ihnen als Leser viel Erfolg bei den ersten wundervollen Schritten Ihre Genussfähigkeit und Ihre Achtsamkeit wieder zurückzugewinnen! 

Herzliche Grüße

Anika Thiel
Diätassistentin der Mutter-Vater-Kind-Klinik Saarwald